Tourette-Syndrom: Definition – Ursachen – Symptome – Verlauf

Tourette-Syndrom: Definition

Was ist ein Tourette-Syndrom überhaupt? Das Tourette-Syndrom wird zur Gruppe der neuropsychiatrischen Erkrankungen gezählt und äußert sich in unkontrollierbaren Tics, die je nach Schweregrad der Krankheit unterschiedlicher Ausprägung sein können.

Das Tourette-Syndrom und die Ursachen sind bis heute nicht gänzlich erforscht. Es wird vermutet, dass bis zu drei Prozent der Weltbevölkerung an den durch das Tourette-Syndrom auftretenden Tics leiden, die sich sowohl als teilweise heftige und nur bedingt kontrollierbare motorische Störungen als auch durch plötzliche Vokaläußerungen bemerkbar machen und sowohl regelmäßig und rhythmisch als auch ohne feststellbares Muster oder zeitlichen Rahmen erscheinen können. Dadurch ist jeder Tourette-Patient ein individueller Fall, denn die verschiedenen Tics können sich an verschiedenen Körperstellen und in unterschiedlichen Arten manifestieren und sowohl einzeln als auch in Kombination auftreten.

Ursachen des Tourette-Syndroms

Als Auslöser dieser Erkrankung vermuten Wissenschaftler bestimmte Fehlfunktionen der Basalganglien. Diese direkt unterhalb der Großhirnrinde gelegenen Nervenzellenansammlungen sind zu einem wesentlichen Teil für die kognitiven, limbischen und motorischen Fähigkeiten verantwortlich. Ein gestörter Stoffwechsel in den Basalganglien bedingt, dass chemische Botenstoffe wie Dopamin oder Serotonin aus dem Gleichgewicht geraten. Diese Neurotransmitter beeinflussen maßgeblich die Funktion der Informationsleitungen im Körper. Sind sie durch den gestörten Stoffwechsel übermäßig aktiv, kommt es beim Betroffenen zum Verlust der Kontrolle über gewisse Bewegungsmuster oder Laute, die dann explosionsartig nach außen dringen.

Das Tourette-Syndrom und seine Ursachen sind laut aktuellem Forschungsstand auf Genmutationen zurückzuführen, die unter dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren vererbbar sind. Jeder Tourette-Patient trägt ein etwa 50-prozentiges Risiko, die Erkrankung an seine Kinder weiterzugeben. Auch das Geschlecht scheint hierbei eine große Rolle zu spielen, denn Jungen sind drei bis vier Mal häufiger von diesen Tics betroffen als Mädchen. Existiert in der Familie eine genetische Prädisposition, ist die erbliche Form des Tourette-Syndroms jedoch nur in 10 Prozent der Fälle so stark ausgeprägt, dass eine Medikation notwendig ist.

Die Ursachen für nicht-erbliche Formen dieser Erkrankung sind bis jetzt völlig unbekannt. Die Forscher vermuten jedoch eine Autoimmunkrankheit, im Zuge derer die Abwehrzellen die Basalganglien angreifen und das Verhältnis der Neurotransmitter aus dem Gleichgewicht bringen. Selten werden als Ursachen auch bestimmte Infektionen mit Streptokokken festgestellt. In solchen Fällen sprechen die Ärzte vom sogenannten „sporadischen Tourette-Syndrom“.

Verlauf der Erkrankung

Meistens tritt das Tourette-Syndrom im Kindesalter auf, in nahezu allen Fällen kommt es vor dem Ende der Pubertät oder spätestens vor dem 21. Lebensjahr zum Ausbruch der Krankheit. Eine Häufung der Fälle lässt sich unter sieben- bis achtjährigen Kindern feststellen. Viele Betroffene bemerken jedoch im jungen Erwachsenenalter, etwa zwischen 15 und 20 Jahren, manchmal auch später eine deutliche Verbesserung der Symptomatik. In fast 70 Prozent der Fälle von leichteren Formen des Tourette-Syndroms schwächen die Tics mit zunehmendem Alter ab, oft verschwinden sie sogar gänzlich. Die Krankheit beeinträchtigt darüber hinaus in keiner Weise die Lebenserwartung.

Im Anfangsstadium bemerken die betroffenen Kinder die Symptome meist nicht, sie werden eher von den Eltern wahrgenommen. Erst ab dem Alter von etwa zehn Jahren können Vorgefühle wie leichtes Bauchkribbeln und ein angespannter Nacken tatsächlich bewusst empfunden werden.
Erste Anzeichen sind meist leichte Tics im Gesicht, die plötzlich und ohne ersichtlichen Grund auftreten. In solchen Fällen ist etwa ein auffälliges Augenblinzeln oder Zusammenkneifen der Lider, manchmal auch Nasenrümpfen, Verziehen der Mundwinkel oder wiederholtes Mundöffnen festzustellen. Auch vermehrtes grundloses Räuspern kann ein erster Tic sein. Mit dem Fortschreiten der Krankheit kann es je nach Schweregrad bei leichten, einzelnen Tics bleiben, oder es treten Veränderungen, eine Verschlechterung oder eine Kombination mehrerer Tics auf.

Symptome des Tourette-Syndroms

Neben einfacheren Ausprägungen der Tics, die als Grimassieren, Rucken mit Kopf oder Schulter, plötzliche Bewegungen der Extremitäten oder als sinnlose Lautäußerungen erscheinen können, treten bei schweren Formen des Tourette-Syndroms komplexere Tics auf. Neben motorischen Störungen wie plötzlichem Springen, Berühren anderer Personen oder autoaggressiven Gesten wie Schlagen oder Kneifen, die auch zu ernsten Verletzungen führen können, werden auch mehrere Kategorien von Vokal-Tics unterschieden.

Hierbei werden entweder einzelne Worte, Silben oder auch ganze Sätze, die in keinem Kontext zum in diesem Moment Gesprochenen stehen, abrupt und oft mit extremer Lautstärke herausgeschleudert. Unter der sogenannten Echolalie wird die ständige Imitation von Gesprochenem anderer Personen verstanden. Leidet der Patient an Palilalie, wiederholt er seine eigenen Worte oder Sätze. Die problematischste und belastendste Ausprägung ist die sogenannte Kopropraxie, die die Betroffenen dazu veranlasst, unkontrollierte obszöne Gesten zu zeigen.

Symptome des Tourette-Syndroms können in Serien ebenso auftreten wie mehrmals täglich über Jahre hinweg. Es ist auch möglich, dass die Tics für Wochen oder gar Monate verschwinden und dann plötzlich wieder beginnen. In Situationen psychischer Belastung oder bei Schlafmangel verstärken sich die Symptome häufig.

Oft werden bei Kindern darüber hinaus Begleitsymptome- oder Erkrankungen wie das Asperger-Syndrom, eine milde Form von Autismus, Zwangsverhalten, Hyperaktivitätsstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizite beobachtet.

Sekundäre Symptome, die sich aus den Tics ergeben, können mitunter Schlaflosigkeit, Angstzustände, Panikattacken und Lernschwierigkeiten sein.

Auswirkungen auf den Lebensalltag

Obwohl das Tourette-Syndrom keinerlei Einfluss auf die Intelligenz des Patienten nimmt und sich die unkontrollierten Tics nie als Aggressionen gegen andere wenden, haben die Betroffenen sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter mit erheblichen psychosozialen Folgen zu kämpfen. Während sich die Eltern oft große Schuldgefühle bereiten, da sie fälschlicherweise annehmen, Fehler in der Erziehung gemacht zu haben, sind ihre Kinder im schulischen Umfeld häufig mit Ablehnung und Unverständnis konfrontiert.

Auch vom Tourette-Syndrom betroffene Erwachsene begegnen häufig Diskriminierung sowie Konfliktsituationen, die sich vor allem dadurch ergeben, dass viele Menschen die Tics aus Unverständnis als Provokation betrachten. Auch die Partnersuche und der Berufsalltag werden durch stark ausgeprägte Formen des Tourette-Syndroms erheblich erschwert, was schnell zu sozialer Isolation führen kann. Der psychische Stress, der dadurch entsteht, verstärkt wiederum die Symptome, und viele Betroffene sind dadurch in einem Teufelskreis gefangen. Nicht selten leiden Patienten mit schwerem Tourette-Syndrom daher auch unter Depressionen.

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