Übertherapie am Lebensende: ein dramatisch wachsendes Problem

Das Problem „Übertherapie am Lebensende“ wächst seit Anfang des Jahrtausends zu dem Hauptproblem in der Versorgung Sterbender heran. Seitdem wurde das wirtschaftliche Risiko der Kliniken durch eine Änderung des Abrechnungsmodus auf die Klinikleitungen übertragen. Während früher die Kliniken, jeweils zum Jahresende, ihre Kosten vorrangig anhand der Verweildauer der Patienten geltend machen konnten (sog. Kostendeckungsprinzip), wird durch das neue DRG-System (diagnosis related groups) auf der Basis eines Diagnosemix und anhand der durchgeführten Prozeduren ein Entgelt bestimmt: je schlimmer die Krankheit und je technischer der Eingriff, desto höher der Erlös.

Da sind Sterbenskranke die Zielgruppe Nr. 1 – sie haben die schlimmsten Diagnosen und wehren sich meist nicht. Über Bonusverträge werden leitende Ärzte an lukrativen Eingriffen oder am Klinikgewinn beteiligt. Ruchbar wurde das Ganze 2012 im Transplantationsskandal. Geändert hat sich bis heute wenig. 97% der neuen Chefarztverträge enthalten die umstrittenen Klauseln.

Da entsteht ein hoher Fehlanreiz bei Schwerkranken und Sterbenden möglichst umfangreiche Eingriffe durchzuführen. Mittlerweile schätzen namhafte Experten, dass die Hälfte der Sterbenden Opfer von Übertherapie sind. Das bestätigt eine aktuelle Untersuchung: Bis zu 50% der Patienten erhalten nicht indizierte Untersuchungen, 28% der Sterbenden werden gar wiederbelebt. Sie sind oft nicht mehr in der Lage, ihren Willen kundzutun oder zu widersprechen. Selbst wenn ein Schwerkranker Herr seiner Sinne ist, so ist er nach Erfahren einer schlimmen Krankheit im „Diagnoseschock“. Das ist vergleichbar mit einem hypnoseähnlichen Zustand, man ist also suggestibel. So ist ein sterbenskranker Patient ein „Patient ohne Verfügung“.

Mittlerweile verlagert sich die Intensivmedizin zunehmend in den häuslichen Bereich. Gab es 2003 nur ca. 500 außerklinische Beatmungen, so waren es 2013 bereits 15.000. Die Erklärung der zuständigen Fachgesellschaft: „der demographische Wandel“ – wir sollen also 30-mal älter und kränker geworden sein? Aber es kommt noch schlimmer: jedes Jahr nimmt die Zahl der Heimbeatmeten um 15% zu. Hier werden mittlerweile 25-50% der Gesamtkosten für die ambulante Pflege umgesetzt, längst ist dies sogar betragssatzrelevant.

Mit einer fingierten Patientengeschichte wurden 254 Beatmungseinrichtungen angeschrieben. Man suche für den vermeintlich wohlhabenden Onkel einen neuen Intensivpflegedienst, weil es bei dem aktuellen Versorger Probleme wegen einer dieser Behandlung entgegenstehenden Patientenverfügung gäbe: Das Ergebnis: Die überwältigende Mehrheit hätte die als nicht indiziert und nicht gewünscht konstruierte Beatmung fortgesetzt. Weniger als 10% der befragten Dienste widersetzten sich dem kriminellen Ansinnen.

Das aktuelle Ärzteblatt spricht von „extremer Fallzunahme“, der aktuelle Spiegel berichtet über das am 01.09.2016 erscheinendes Buch „Patient ohne Verfügung – Das Geschäft mit dem Lebensende“ (Matthias Thöns im Piper-Verlag). Hier werden neben selbst erlebten Schicksalen sowie laienverständlichen belegten Hintergründen viele Anregungen zur Veränderung gegeben.

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Matthias Thöns. Er ist Facharzt für Anästhesiologie, Notfall-Schmerz- und Palliativmedizin.

Weiterführende Links zum Thema:

www.der-schlafdoktor.de

www.Palliativnetz-Witten.de

www.uebertherapie.de

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